Wer nur den lieben Gott lässt walten
Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche, Nr. 367
Evangelisches Gesangbuch, Nr. 369
Gotteslob, Nr. 296
Benedikt Baum, Gesang
Hermann Baum, Orgel
Gedanken zum Text
Was treibt einen 19jährigen mitten im Krieg aus Thüringen nach Königsberg?
 
Der Liederdichter Georg Neumark (1621-1681) hat Text und Melodie des Liedes geschrieben. Er selbst erzählt, wie es entstanden ist. Im thüringischen Langensalza geboren, hatte er eben die Schule beendet und wollte nach Königsberg. Man schrieb das Jahr 1640, mitten im dreißigjährigen Krieg. Königsberg war eine Metropole der modernen Dichter und Musiker jener Zeit. Neumark schloss sich einer Reisegruppe von Kaufleuten an. Der Weg führte nach Norden.
 
Die Reisegesellschaft wurde überfallen und Georg Neumark verlor all sein Hab und Gut. Er schlug sich nach Hamburg durch, dann nach Kiel, und erst vier Jahre später gelang es ihm, sein Ziel Königsberg zu erreichen. Vielleicht verarbeitete der sehr junge Dichter seine Erfahrungen und Erlebnisse in diesem Trostlied.
 
Ein Erlebnis aus der Zeit in Kiel bestätigt diese Vermutung, wenn er selbst schreibt:
"Da wurde ich so melancholisch, dass ich oftmals des Nachts in meiner Kammer den lieben Gott mit heissen Tränen knieend um Hilfe anflehte..."
Zu alle dem hatte Neumark einen Schüler mit knapper Not vor dem Verbrennen retten können und wäre beinahe selbst bei einem Schiffbruch ertrunken. Unter den Eindrücken dieser schweren Erlebnissen ist das Vorwort der Veröffentlichung des Liedes 1657 gut zu verstehen: "Dass GOTT einen Jeglichen zu seiner Zeit versorgen und erhalten will." Nach dem Spruch: "Wirf dein Anliegen auf den Herrn/ der wird dich wohl versorgen/."
 
Das siebenstrophige Lied spricht vom Gottvertrauen. Neumark selbst hat es als "Trostlied" charakterisiert. Es ruft zu christlicher Gelassenheit auf, gerade angesichts von Leid und Bedrohung. Die Allmacht und Güte Gottes werden herausgestellt, der sich der Beter und Sänger bereitwillig fügt. Zum Gottvertrauen gehört für den Dichter nicht nur das Singen und Beten, sondern auch das Gehen auf Gottes Wegen. Gerade in den Dingen des alltäglichen Lebens hat sich das Vertrauen auf Gott zu bewähren. Sorgen und Seufzen helfen nicht: "Verricht das Deine nur getreu" unterstreicht die Hauptgedanken des Liedes.
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Wer nur den lieben Gott lässt walten
Liedtext
1. Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
2. Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.
3. Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.
4. Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir's uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.
5. Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.
6. Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.
7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Text und Melodie: Georg Neumark 1642
Wer nur den lieben Gott lässt walten
Porträt Georg Neumark Georg Neumark
Gedanken zur Melodie
Die Weise (Melodie) ist als g-hypodorisch notiert. Diese Kirchentonart (2.Modus) hat für mich einen nach innen gekehrten Charakter, öffnet den Raum der "Innerlichkeit". Gleichzeitig ist sie fließend und nach vorne gehend. Der Beginn der Weise ist geprägt durch den nach oben strebenden g-moll-Dreiklang. Aber der stürmische Aufschwung wird abgebremst und der Abstieg mündet in den Anfangston. Die zweite Zeile beginnt mit einem Abstieg, dem der nach oben gehende Anfangsquartsprung folgt. Mit einem kräftigen Aufstieg erhebt sich die fünfte Zeile und erreicht den Spitzenton d'' der Melodie. Zentrale Aussagen aller Strophen werden durch diesen Höhenzug hervorgehoben (1. Str.: "Wer Gott, dem Aller-höchsten...", und 7. Str.: "Denn welcher seine Zuversicht...") und somit den Sängern und Betern besonders ans Herz gelegt. Mit einem sanften und stufenweisen Abstieg mündet die sechste Zeile zurück in den Grundton.
 
Die Bewegung der Melodie hat für mich einen Verlauf - wie eine Bergwanderung. Der Aufstieg aus den Niederungen beginnt mühsam, aber behutsam. Damit der Anstieg nicht zu steil hinauf führt, bewegen sich die ersten vier Zeilen auch wieder nach unten. Dann geht es zum Gipfelanstieg steil empor und ein sanfter, ruhiger Abstieg lässt die Eindrücke und Erlebnisse im Grundton widerhallen. Der Wanderer geht gestärkt und in froher Hoffnung weiter.
 
Auch denke ich beim Singen und Anhören dieser Melodie an ein seelsorgerliches Gespräch. Einem von schwermütigen Anfechtungen Geplagten werden in einfühlsamer Weise neue Wege und Perspektiven gezeigt.
 
Die fast 400 Jahre alte Weise singe und spiele ich mit großer Leidenschaft. Die liebevolle Beratung und die frohen Ausblicke des Textes bringt der Dichter und Musiker so zum Ausdruck, dass es zu den großartigsten Trost- und Vertrauensliedern im Gesangbuch gehört.
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