Wachet auf, ruft uns die Stimme
Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche, Nr. 668
Evangelisches Gesangbuch, Nr. 147
Gotteslob, Nr. 110
Hermann Baum, Orgel
Gedanken zum Text
Eine bewegte und bewegende Zeit, in die Philipp Nicolai hineingeboren ist:

Der glanzvolle nationale und kulturelle Aufstieg unter Königin Elisabeth und William Shakespeare in England, die grausame Verfolgung der Hugenotten in Frankreich. In Deutschland: Glaubens- und Kirchenkämpfe, Unterdrückung und Vertreibung, ständig bedroht vom Gespenst der Pest.

Nicolai wurde als drittes Kind in Mengeringhausen im Jahre 1556 geboren. Seine Schulzeit verbringt er in ruhelosem Umherwandern zwischen Arolsen, Kassel, Hildesheim, Dortmund, Mühlhausen in Thüringen und Corbach. Mit 19 Jahren besucht er die Universität Erfurt, ein Jahr später die Hochschule Wittenberg, um Theologie zu studieren.

Seine erste Pfarrstelle erhält er 1583 in Herdecke. Im Alter von 32 Jahren beruft ihn die Gräfin von Waldeck in eine Pfarrstelle nach Wildungen und zum Hofprediger und Erzieher.

Nicolai sieht sich selbst als strengen Lutheraner, der sich in einem ständigen Zweifrontenkrieg zwischen Katholizismus und Calvinismus befindet. In diesem Selbstverständnis verfasst er haufenweise gehässige Streitschriften. 1596 übernimmt er ein Pfarramt in Unna. Dort erlebt er 1597/98 die Pest mit über 1400 Todesopfern. Mit 44 Jahren schließlich heiratet er Katharina Dornberger und wird 1601 Hauptpastor an St. Katharinen in Hamburg, wo er 1608 im Alter von 52 Jahren stirbt.

Sein Pesterlebnis 1597/98 verarbeitet er in seinem Trostbuch "Freudenspiegel des ewigen Lebens", 1599 in Frankfurt herausgegeben. Und darin findet sich auch unser Lied. Er setzt es gegen die Düsternis und Verzweiflung der Lebenssituation, in der er sich und die Menschen um ihn herum findet. So schreibt er an seinen Bruder Jeremias, Pfarrer in Mengeringhausen: "Ich bin durch Gottes Gnade noch ganz gesund, wenn ich gleich von Häusern, die von der Pest angesteckt sind, fast umlagert bin und auf dem Kirchhofe wohne, wo täglich bald 24, 27, 29, 30 Leichen der Erde übergeben werden."

Die Bedeutung seiner Liedersammlung wird klar: ein enger Zusammenhang zwischen Erleben und Reaktion darauf, Überwindung der Angst durch Anbetung Gottes, aus Gebet und Meditation heraus eine Vision der alles überstrahlenden himmlischen Herrlichkeit. Ein Bild gegen Not und Tod, Hoffnungspotential in trostloser Zeit. Ein Gegenbild, von dem auch wir uns mitreißen lassen dürfen in einer Zeit völliger Verunsicherung und unsichtbarer Bedrohung.

Die erste Strophe betet quasi alle Sehnsucht, alle Freude wie aus Verzweiflung heraus herbei, eine mächtige Vision gegen alles Unheil, gegen jegliche Verzagtheit, gegen um sich greifende Eintönigkeit und Dumpfheit. Sie beginnt wie mit einem Trompetensignal: "Wachet auf!" So ein Ruf kann doch nur an Schläfer gerichtet sein - Schläfer wie wir und keine anderen. Es ist Mitternacht, die Stunde völliger Dunkelheit - eine zugedeckte Welt, die den Morgen noch nicht ahnt.
Wachet auf, ruft uns die Stimme
Porträt Paul Gerhardt

Philipp Nicolai (1556 - 1608)
Liedtext
1. "Wachet auf", ruft uns die Stimme
der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
"wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde";
sie rufen uns mit hellem Munde:
"Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohlauf, der Bräut'gam kommt,
steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja!
Macht euch bereit zu der Hochzeit,
ihr müsset ihm entgegengehn."
2. Zion hört die Wächter singen,
das Herz tut ihr vor Freude springen,
sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig,
ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn.
Hosianna!
Wir folgen all zum Freudensaal
und halten mit das Abendmahl.
3. Gloria sei dir gesungen
mit Menschen– und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore
an deiner Stadt; wir stehn im Chore
der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
kein Ohr hat mehr gehört
solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir
das Halleluja für und für.


In der zweiten Strophe kommt er - wie er wohl aussieht? Und es kommt die Stunde Jerusalems. Wohl nicht des Jerusalems, wie es sich augenblicklich darstellt - nämlich zerrissen, verschachtelt, zwischen drei Religionen aufgeteilt. Drei Religionen, die sich alles andere als glänzend gerade an diesem Ort der Menschheit präsentieren: eher erbärmlich, untereinander und in sich selbst zerstritten, fanatisch oder resignierend. Nein - gemeint ist etwas anderes. Gemeint die großartige Stadt Gottes mit den Perlentoren aus der Offenbarung.

Dort findet in der dritten Strophe das große Hochzeitsmahl statt. An jenem Ort, in den alle Glaubenden aufgenommen werden, weg aus den irdischen Niederungen des Elends und der Banalität. Eins zu werden Auge in Auge miteinander. Alle sind eingeladen in den Festsaal, dessen Tür Gott persönlich offenhält, um gemeinsam einzustimmen, in einen Gesang so herrlich, wie ihn noch keiner gehört hat.

Bei der dritten Strophe hat man fast den Eindruck, als dienten die beiden ersten Strophen dem Atemholen und Aufschwingen zu dieser steilen Höhe.

Wachet auf, ruft uns die Stimme


Gedanken zur Melodie
Die Melodie, die Nicolai selbst für sein Gedicht komponiert, gehört zu den großartigsten und gewaltigsten in den Gesangbüchern.
Wort und Ton verschmelzen zu einem vollkommenen Ganzen.

Als "Wächterruf" ist sie durchaus bläserisch und signalhaft empfunden. Gebrochene Dreiklänge im Kopfmotiv und in der Fortsetzung, bewegte Sprünge, die bis zur Dezime des Grundtons hinaufsteigen.

Die beiden Stollen (von Beginn an bis zum Wiederholungszeichen) bilden mit ihrem Scheitelpunkt in der Mittelzeile architektonisch gesehen zwei wunderbare Turmspitzen mit steil aufstrebenden und abfallenden Pfeilern.

Dieser erste Höhepunkt der Weise fällt mit den Worten "sehr hoch auf der Zinne" zusammen.

Der Abgesang (Teil nach der Wiederholung) steht dazu in starkem Kontrast: eine stufenweise abwärtsgleitende Linienführung bis zum Grundton. Dann nochmals eine Bewegung, um in kurzen Anläufen noch einmal den Höhepunkt zu erreichen.

Die Schlussfanfare führt in steilem Absturz zum Grundton zurück.

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