Amazing grace
Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche, Nr. 297
Margit Garbrecht, Gesang
Michael Braaz, Klavier


Gedanken zum Text
Der Dichter des Liedtextes, John Newton, wurde am 24.Juli 1725 in London geboren. Schon mit elf Jahren wurde John Seemann auf dem Schiff seines Vaters.
Als Jugendlicher zwang man ihn zum Dienst auf einem Kriegsschiff, er desertierte, geriet in Gefangenschaft und landete im Gefängnis.
Später diente er auf Sklavenschiffen und fiel in die Hände brutaler Sklavenhändler. Auf der Heimreise im Jahre 1748 geriet das Schiff in einen schweren Seesturm und Newton entschloss sich, in Todesangst, ein neues Leben zu führen.
Er engagierte sich vehement gegen das menschenverachtende und brutale System der Sklaverei und arbeitete für deren Abschaffung.
In Newtons Todesjahr 1807 erließ das Parlament ein Gesetz, das den Sklavenhandel im ganzen britischen Empire verbot.

Der Dichter des Liedes studierte, nach seinem Seemannsleben, Theologie und wurde Pfarrer. Seine Gottesdienste waren so gut besucht, dass zusätzliche Säle angemietet werden mussten.
Auch war ihm die Bedeutung der Kirchenmusik sehr wichtig und er suchte nach Liedern, die der Lebendigkeit und Frömmigkeit seiner Predigten entsprachen. Da es davon nicht genügend gab, fing er selbst an, Lieder zu dichten.
Der sechsstrophige Text unseres Liedes wurde 1779 erstmalig veröffentlicht.
Der Dichter beginnt sein Lied mit einem Ausrufungszeichen: "Erstaunliche Gnade!" Durch Gottes Gnade hatte sich sein Leben dramatisch zum Guten hin verändert.
"Amazing grace" war sein Lebensthema, das in seinen packenden Predigten und seinen einfachen Liedern immer wieder aufklang.
Vor dem Hintergrund seines zunächst verpfuschten Lebens, in der ersten Strophe bezeichnet er sich als "Schuft" ("wretch"), ist das Wort "Gnade" wiederum der Schlüsselbegriff. Newton verwendet es in diesem Lied sechsmal.

In den ersten drei Strophen werden in drei Gegensatzpaaren die riesigen Unterschiede zwischen dem einstigen und jetzigen Leben beschrieben:
verloren --- gefunden, in der ersten Strophe,
blind --- sehend, in der zweiten Strophe,
Gefahren --- Geborgenheit, in der dritten Strophe.

Die Strophen vier bis sechs sind davon geprägt, dass Gott die Hoffnung ist und seine Treue uns nicht verlässt.
Amazing grace
Liedtext
1. Amazing grace, how sweet the sound,
That saved a wretch like me!
I once was lost, but now I am found,
Was blind, but now I see.
2. 'Twas grace that taught my heart to fear,
And grace my fears relieved;
How precious did that grace appear,
The hour I first believed!
3. Through many dangers, toils and snares,
I have already come;
'Twas grace has brought me safe thus far,
And grace will lead me home.
4. The Lord has promised good to me,
His word my hope secures;
He will my shield and portion be,
As long as life endures.
5. Yea, when this flesh and heart shall fail,
And mortal life shall cease;
I shall possess, within the veil,
A life of joy and peace.
6. When we've been there ten thousand years,
Bright shining as the sun,
We've no less days to sing God's praise
Than when we'd first begun.
Übertragung ins Deutsche:

1. O Glück der Gnade! Gottes Hand
und Augen suchten mich.
Ich war verlorn, bis er mich fand,
war blind, jetzt sehe ich.
2. Die Gnade hat mich Furcht gelehrt
und doch von Furcht befreit;
bin voll Vertrauen heimgekehrt
zu Gott aus Angst und Leid.
3. Durch viel Gefahr, durch Not und Nacht
gab er mir das Geleit,
hat sicher mich hierher gebracht,
führt mich ans Ziel der Zeit.
4. In Güte hüllt mein Gott mich ein,
verspricht mir täglich neu:
Ich will dein Ein und Alles sein,
bleib dir auf immer treu.
5. Selbst wenn mir Herz und Geist versagt,
mein Leben schwindet hin,
erscheint, wenn Gottes Morgen tagt,
mein Sein voll Glück und Sinn.
6. Wenn wir vor Gott in Ewigkeit
wie helle Sonnen stehn,
dann werden wir, zum Lob befreit,
von Angesicht ihn sehn.
T: John Newton 1779 (Str. 1-5); Herkunft unbekannt vor 1790 (Str. 6)
Dt: Annegret und Walter Klaiber 2000
Amazing grace



Gedanken zur Melodie
Die frühe amerikanische Volksmelodie war zunächst als Plantagenlied bekannt.
Es ist nicht auszuschließen, dass sie schottischen Ursprungs ist.
Ihr besonderer Charme basiert auf einer pentatonischen Reihe (fünfstufige Tonleiter, die aus Ganztonschritten und einer kleinen Terz besteht, ohne Halbtonschritte, in unserem Fall: g a h d e).

Dass Menschen aller Altersgruppen sich an den Händen fassten und die bewegende Melodie sangen, das gehört zu den ergreifendsten Bildern in der Zeit des Schocks und der Trauer nach dem 11.September 2001.
"Amazing grace" wurde in Gottesdiensten, bei Gedenkfeiern, Benefizkonzerten und Beerdigungen gesungen.
In Manhattan wurde es von einer Kapelle gespielt, während Freiwillige die Lastwagen mit Hilfsgütern für die Helfer am Ground Zero beluden.

Kein Lied bewegte schwarze Gemeinden so sehr wie dieses.
Insbesondere der dritte Vers (durch viele Gefahren, Not und Nacht…) spiegelt die Erfahrungen der Menschen aller Zeiten wider.

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